SeitenWände ist ein Ausstellungsprojekt der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK Hamburg), betreut von Prof. Silke Grossmann und Alexander Rischer in Kooperation mit Dr. Ulrich Pohlmann (Münchner Stadtmuseum).
In vier aufeinander folgenden Ausstellungen setzten sich die jeweiligen Künstler mit den vielfältigen Zugängen zu fotografischen Bildern und ihren Wechselwirkungen auseinander. Zu sehen sind neben Fotografien auch Künstlerbücher, die größtenteils im Materialverlag der HFBK produziert wurden. Dieser ermöglicht es Studierenden seit drei Jahrzehnten Künstlerbücher zu fertigen, in denen Autor und Gestalter identisch sind – unter anderem auch die edition fotografie.
Durch die Kombination von Fotografien im Buch und im Ausstellungsraum entstehen spannungsreiche Bezugsfelder zwischen Bildern und Buchobjekten sowie neue Verknüpfungen unterschiedlicher Zeiten, Wahrnehmungen und Lesbarkeiten. Die Intimität des Bücherblätterns und die Öffentlichkeit des Ausstellungsbesuchs treten in Dialog und eröffnen vielschichtige, neue Bilderfahrungen.
# 1
Karin Jobst - Sabine Keller - Nadine Otto - Hyeyeon Park
29. September - 30. Oktober 2011
Die Künstler der ersten Ausstellung setzen sich mit klassischen fotografischen
Stilmitteln auseinander, thematisieren den Aspekt der Bewegung im Raum und
die Möglichkeiten der Fotografie zur Erfassung von Oberflächen, Objekten
und Personen.
Mit dem Genre Stillleben sowie mit der modernen Warenwelt setzt sich Sabine Keller in ihrer Arbeit „PP“ auseinander. Transparente Kunststoffverpackungen, wie sie im Supermarkt für frisches Obst und Gemüse verwendet werden, inszeniert sie als fragile Skulpturen. Das eigentliche Ausgangsmaterial wird durch die Mittel der Fotografie visuell aufgelöst und verschlüsselt.
erforscht mit „Din Bästa tid är nu“ die eigene Bewegung und den persönlichen Zugang zu Orten. In einem einsamen Wald in Südschweden nähert sie sich fotografisch drei benachbarten Häusern, umstreift sie und dringt schließlich in die Innenräume und fremden Lebenswelten der Bewohner vor. Dabei entsteht ein Portrait der abwesenden Menschen anhand ihrer Einrichtungen und Habseligkeiten.
Unter dem Titel „Transit I II“ erscheint die Arbeit der Koreanerin Hyeyeon Park als #17 in der Reihe edition fotografie. In ihren Aufnahmen bezieht sie die Position und Bewegung des betrachtenden Subjekts mit ein und dynamisiert so den Bildraum. Menschen und Tiere, Orte und Emotionen werden zu ephemeren Erscheinungen; Licht, Schatten und Perspektiven zu essentiellen Mitteln der Gestaltung.
# 2
Simone Haug – Rebekka Seubert – Caspar Sänger – Mitko Mitkov
Zu Gast: Susan Paufler
1. November – 4. Dezember 2011
Die Künstler der zweiten Ausstellung reflektieren das fotografische Medium mit seinen spezifischen (Re-)Produktionsmöglichkeiten und materiellen Darstellungsweisen.
Sängers Wandinstallation besteht aus Bildern, die fotografischen Lehrbüchern über die Schwarzweißfotografie entnommen wurden, diesem Ursprung jedoch nicht sofort zugeordnet werden können. Rekontextualisiert werden die Reproduktionen durch das Buch, welches den gesamten Bücherbestand Caspar Sängers, darunter auch die Lehrbücher, fotografisch dokumentiert.
Die fotografische Technik und den Aspekt des Zufalls betont der Bulgare Mitko Mitkov in seiner Arbeit "36 Bilder". In 36 Kleinformatabzügen und einem Heft mit 16 Bildern zeigt diese Arbeit sämtliche Fotos eines fehlerhaft entwickelten Films mit geheimnisvollen Spuren und Lichteinschreibungen.
In Mitko Mitkovs Kleinstverlag „1%ofONE“ wird von jedem Ausstellenden dieser Gruppe ein Buch der Reihe 16 Bilder erscheinen, wie auch das Buch ein schnitt, in dem die Landschaftsbilder von Simone Haug und Rebekka Seubert erst durch das Aufschneiden der Buchseiten sichtbar werden.
Susan Paufler entwickelt in einer Installation das Thema ihres Buches "Der
Zweifel im Schuh" weiter. Darin reflektiert sie sowohl Fotografien
und Texte, die in Havanna entstanden sind, als auch das Erwecken und
Bezweifeln von eigenen Erinnerungen in einem fremden Land. Nicht nur
das damals Erlebte, sondern auch das Buch selbst und die scheinbar wenig
veränderte politische Situation Kubas finden in der hier präsentierten
Arbeit eine neue Form.
Zu sehen ist die Installation im Foyer des Münchner
Stadtmuseums.
# 3
Jenny Schäfer – Franziska Opel – Sungeun Claire Choi – Paula Estrada Quintero
6. Dezember 2011 – 8. Januar 2012
Die Arbeiten der dritten Ausstellung zeichnen sich durch eine subjektive,
introspektive Art der Raumerfahrung und -erforschung sowie durch die Einbeziehung
ergänzender Medien und Ausdrucksmittel aus.
Franziska Opels Beschäftigung mit Text und Poesie wird in der Ausstellung in einer glasierten Porzellanplatte sichtbar, durch welche der eingeprägte Satz „Im hellen die Sterne dunkel leuchten" scheint. Auf das Medium Fotografie verweist dieses Objekt unter anderem durch seinen Positiv-Negativ-Charakter.
Die Auseinandersetzung mit Licht und Materialität findet sich auch in der Arbeit der Koreanerin Sungeun Claire Choi, welche ihre Ankunft in Deutschland fotografisch begleitet hat. Die Erfassung von Oberflächen und ihr Wunsch nach Vertrautheit in der Fremde kommen in ihrem diary zum Ausdruck.
Die Kolumbianerin Paula Estrada Quintero erforscht verlassene öffentliche Gebäude und hier besonders die Zwischenräume, die oft übersehen oder achtlos durchschritten werden. In ihren Schwarz-Weiß-Fotografien verschmelzen die unterschiedlichen Räume zu einer mysteriösen Ortlosigkeit, die sich der konkreten Zuordnung entzieht.
# 4
Florian Elsebach – Silke Grossmann – Alexander Rischer – Sven Schumacher
10. Januar – 12. Februar 2012
Eine subjektive Auseinandersetzung mit Räumen und Landschaften sowie
die Thematisierung der Zeit bzw. Unzeitlichkeit findet sich in der vierten,
aktuellen Ausstellungsgruppe.
Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Silke Grossmann sind durch einen synästhetischen Zugang zu Personen und Landschaften geprägt. Sie thematisiert Raum- und Zeitrelationen im Bild und in Bildfolgen – etwa Wechselbeziehungen zwischen dem nahen, greifbaren und dem fernen, imaginären Raum einer weitläufigen Landschaft, die Räume und Zeiten unseres Bewusstseins und unserer Erinnerung verbindet. In der Ausstellung präsentiert sie u.a. ihr neu erscheinendes Buch „Lee with his Rabbits".
Alexander Rischer betreibt eine besondere Art der Geschichtsforschung und greift vergessene Sinnzusammenhänge wieder auf. In seiner langjährigen Arbeit beschäftigt ihn die Frage nach der Funktion von Erinnerung und Gedächtnis sowie nach der Bedeutung visueller Diskurse – insbesondere von Fotografien – für Geschichte. Den Ausgangspunkt für die in der Ausstellung präsentierte Arbeit bildet ein Briefwechsel aus der Zeit um 1691/92 zwischen einer Nonne im Kloster Diesdorf und dem Klostervorsteher in Apenburg, dem er an der Strecke zwischen diesen beiden Orten nachspürt.
Mit dem Verhältnis von Landschaft, Geschichte und Erinnerung setzt sich Sven Schumacher in seinen Fotografien, in einer Video-Installation und im Künstlerbuch auseinander. Mit je unterschiedlichen medialen Zugängen und Möglichkeiten folgt er dem Verlauf einer nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegten Bahnstrecke. Vom niedersächsischen Dannenberg aus spürt er den Überresten und Spuren der Gleise, die auch an seinem Heimatort Damnatz vorbeiführen, bis zur Brückenruine am Elbufer nach.
Weitere Informationen: www.hfbk-hamburg.de
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