Seit 1829 erschienen die Gedichte des Königs Ludwig von Bayern in einer Folge von vier Teilen im Verlag von Johann Friedrich Cotta, dem Verleger von Goethe und Schiller. Auch in Format und Ausstattung knüpfen die Bücher an die achtbändige Schillerausgabe Cottas an. Gelten die Gedichte heute als musterhafte Beispiele für die Dilettantismuspoesie des Biedermeier, so hat sich der Autor selbst keineswegs als ein Reimschmied verstanden, der Verse zur persönlichen Ergötzung oder zum gelegentlichen Vortrag im privaten Kreis ersann. Er trat an die Öffentlichkeit mit nicht weniger als dem Anspruch Friedrich Schillers, diese ästhetisch zu erziehen.
Eine Kostprobe seines dichterischen Schaffens:
Die Andalusierin
Leuchtend, himmlisch blaue Augen,
Gleich des Südens Aether klar,
Die in Seligkeit uns tauchen,
Weiches, glänzend schwarzes Haar;
Heitern Sinnes, froh und helle
Lebend in der Anmuth hin,
Schlank und zart wie die Gazelle
Ist die Andalusierin.
Stolz und doch zugleich hingebend,
Ohne Rückhalt, Herz für Herz,
In der Liebe Gluten lebend,
höchste Wonne, höchster Schmerz!
Voller Geist, wie voller Leben,
Heftger Leidenschaftlichkeit,
Ist dein Wesen, ist dein Streben,
Vom Alltäglichen befreyt.
In dem Süden ist die Liebe,
Da ist Licht und da ist Glut,
Und im stürmischen Getriebe
Strömet der Gefühle Fluth.
Wonnemeer die Seelen trinken
Tönt zur Laute dein Gesang;
Hin zu deinen Füßen Sinken
Machet deiner Stimme Klang.
Aufs entzückendste erscheinest
Du, in zauberischem Glanz,
Hold und Liebliches vereinest,
Reizend, du, in einem Kranz.