
Öl auf Leinwand / 71 x 105 cm / 1859
Das Gemälde von Joseph Heinrich Marr (1807 – 1871) versetzt den Betrachter auf die Dächer des Hackenviertels mitten in der Münchner Altstadt. Vom markanten Petersturm als Orientierung spannt sich der Ausblick bis in die "rechts der Isar" gelegenen Armenviertel hinüber. Aus der Vorstadt Au ragt der Neubau der 1839 eingeweihten Mariahilfkirche hervor, die vorbildlich für die neugotische Kirchenarchitektur in ganz Süddeutschland wurde. Das aus dieser Perspektive ungewöhnliche Panorama bildet den Hintergrund für ein noch ungewöhnlicheres Bildmotiv: Drei Dachdecker lagern auf einem First und rauchen Pfeife. Sie gehören zu den vielen Handwerkern und Bauarbeitern, die für den Ausbau Münchens zur Hauptstadt des Königreichs Bayern herangezogen wurden.
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten bereits über 90.000 Menschen in München. Die Einwohnerzahl hatte sich seit der Erhebung zur königlichen Residenzstadt im Jahr 1806 mehr als verdoppelt. Allein in den 23 Jahren der Regierungszeit König Ludwigs I. von Bayern wurden 1.336 Neubauten in München errichtet. Die Zahl ist mißverständlich. Denn in den neuen Siedlungsgebieten wie etwa der Maxvorstadt waren vor allem repräsentative Villen entstanden, deren Bezug für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich war. In einem 1827 erschienenen Stadtführer heißt es sarkastisch: "Finden sich für alle diese Häuser auch Käufer und Miether, so ist München wirklich eine der wohlhabendsten und mit den vermöglichsten Familien bevölkerten Städte von Deutschland."
Im Jahr 1834 standen rund 1.400 Wohnungen leer in München. Das Überangebot in der mittleren und oberen Preisklasse führte zum sogenannten "Häuserbankrott" und zum vollständigen Zusammenbruch des Wohnungsmarkts. Die Kommune geriet durch diese Fehlplanung in eine prekäre Situation, denn sie hatte die Hauptlast bei der Finanzierung der königlichen Repräsentationsbauten zu tragen. Als sich beim Bau der aus Sicht der Gemeinde entbehrlichen Ludwigskirche 1829 leiser Widerstand regte, antwortete König Ludwig I. mit der Androhung massiver Sanktionen: "So, die wollen nicht. Ich will doch sehen, ob sie das Geld herschaffen werden. Mich kostet es nur einen Federstrich, so ist die Universität wieder von hier weg." Bei anderer Gelegenheit drohte der König seinen Untertanen mit der Option, die Residenz aus München zu verlegen.

Holz, Gips, verschiedene Materialien / 131 x 175 x 54 cm / um 1904
Das Modell zeigt ein im Kern auf das 14. Jahrhundert zurückgehendes, vielfach erneuertes und 1904 abgebrochenes Doppelhaus an der Theatiner Straße. Es lag zwischen Feldherrnhalle und der Einmündung der Perusa Straße und war im 17. Jahrhundert als Adresse einiger Münchner Bildhauer bekannt, darunter Christoph Angermayr und Andreas Faistenberger. Das wohl kurz vor dem Hausabbruch entstandene Schnittmodell wurde angefertigt, um die unhygienischen Verhältnisse des alten Münchner Abwassersystems zu demonstrieren.
Die Hausabwässer flossen noch im späten 19. Jahrhundert mit dem Regen in ungedeckte Straßengräben ab. Daneben gab es Gruben, in denen flüssige wie feste Abfälle entsorgt wurden. Sie verseuchten das Erdreich und schließlich auch das Grundwasser, das die Bewohner aus Trinkbrunnen schöpften. Unter solchen Bedingungen konnten sich Infektionskrankheiten wie Typhus und Cholera schnell ausbreiten.
Der über ganz Europa hereinbrechende und als "asiatische Brechruhr" gefürchtete Cholera morbus erreichte München und Umgebung in drei großen Schüben. Im Sommer 1854 starben fast 3.000 Menschen an der Durchfall- Krankheit. Das prominenteste Opfer war Königin Therese von Bayern, die Ehefrau Ludwigs I. Vermehrt traten Todesfälle in Gebäuden auf, unter denen die Abwässer aus Dunggruben, Schwindgruben und Abtritten versickerten. Darauf hatte Max von Pettenkofer (1818 – 1901) von der Münchner Universität hingewiesen. Seine Theorien wurden durch die Forschungen von Robert Koch später zwar widerlegt. Doch setzten sie in den großen Städten Deutschlands eine grundlegende Sanierung der Wasserversorgung in Gang.
In München hat man sich "gegen die zwangsweise Einleitung der Hauswässer" lange gesträubt. Im Jahr 1881 begann die Stadt ein flächendeckendes Kanalisationssystem aufzubauen, das bis heute ständig erweitert und modernisiert wird. Seit 1883 wird München mit qualitativ hochwertigem Quellwasser aus dem Mangfalltal versorgt. Hausabfälle wurden nach einer Verordnung von 1891 in geschlossenen Behältern gesammelt und zweimal in der Woche von Müllkutschern abgeholt.
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