Grabplatte Indianerkinder

Johann Baptist Stiglmaier / Grabrelief der Indianerkinder Juri und Miranha

Bronze / 40 x 48 cm / um 1824
Die Naturforscher Johann Baptist von Spix (1781 – 1826) und Karl Friedrich Philipp von Martius (1794 – 1868) traten 1817 eine große Forschungsreise nach Brasilien an. Die Expedition stand in der Nachfolge Alexander von Humboldts und wurde im Auftrag König Maximillian I. Joseph zu einem Renommierprojekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von ihrer Reise brachten Spix und Martius im Dezember 1820 nicht nur exotische Pflanzen und Tiere mit nach München, besonders Affen, Papageien und Insekten. Zur Ausbeute gehörten auch zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die angeblich in einem Kannibalenstamm aufgewachsen waren. "Außer des schwarzen in die Haut geätzten Zeichens unter der Nase, welches gleichsam die Cocarde seines Stammes ist, fand ich gar nichts befremdendes in seinen recht angenehmen Zügen", schrieb Johann Andreas Schmeller, der Sprachforscher der bayerischen Mundart, über den Indianerjungen.

Die Kinder Juri und Miranha wurden auf die katholischen Namen Johannes und Isabella getauft und sollten nach bayerischen Vorstellungen erzogen werden. Von einem Besuch in Maria Aich berichtet Schmeller: "Schuri war mit dem Hut auf dem Kopf, vermutlich zum Skandal der anwesenden Beter im Kirchlein bis zum Altar vorgegangen, bis ihm Spix mit geheimnisvollem Winken die besondere Heiligkeit dieses Hauses zu ahnen gab, und den Hut abnehmen ließ." Das Mädchen gelangte in die Obhut einer Hofpfistermeisterswitwe namens Kreszenzia Jakobi in der Prannergasse. Zeitweise habe sich die Königin persönlich um die Kinder gekümmert. Sie blieben ihrer neuen Umgebung gegenüber teilnahmslos und wurden bald krank. Die beiden Indianerkinder starben jeweils im Alter von etwa 14 Jahren kurz nacheinander am 14. Juni 1821 und am 22. Mai 1822 in München.

Für die Grabstätte auf dem Alten Südfriedhof schuf Johann Baptist Stiglmaier im Auftrag der Königin Karoline ein Reliefbild. Die nach klassizistischen Vorbildern gestaltete Platte zeigt die beiden idealisiert dargestellten Kinder, denen der kalte Nordwind "Borea" vehement die Lebensgeister ausbläst. Als Probeguß der neu gegründeten Gießerei zählt das Werk zu den Inkunabeln des Bronzegusses im Königreich Bayern. Der am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr gepflegte Grabplatz der Indianerkinder wurde zur letzten Ruhestätte des 1895 verstorbenen bayerischen Kultusministers Ludwig August von Müller.

 

Der Schild des Herakles

Ludwig von Schwanthaler / Der Schild des Herakles

Gips und Wachs / D. 108 cm, T. 14 cm / 1840
Von den Schilden mythologischer Helden sind antike Beschreibungen überliefert, die in der Gelehrtenwelt des 18. Jahrhunderts heftig diskutiert wurden. Gotthold Ephraim Lessing erörterte am Schild des Achill seine These von der Überlegenheit der Dichtung gegenüber den Werken der bildenden Kunst. Auf einem realen Schild sei gar kein Platz gewesen, um die vielen Erzählungen aus Homers Epos "Ilias" bildlich darzustellen.In der Folge traten einige Künstler den Gegenbeweis an. In England wurde der Schild des Achill rekonstruiert und als eine Ehrengabe für den Duke of Wellington, den Sieger über Napoleon, in Bronze gegossen.

Dieser Tradition folgte in München der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler (1802 – 1848). Nach einer fälschlich dem Dichter Hesiod zugeschriebenen Vorlage entwarf er den Schild des Herakles. Schwanthaler verfügte über eine Münchner Gymnasialbildung, war aber kein Altphilologe, der den Text im Original hätte verstehen können. Vermutlich lag ihm die 1794 erschienene Übersetzung von Johann David Hartmann vor: "Hesiod’s Schild des Herakles nebst den Schilden des Achilleus und Aeneas von Homer und Vergil".

Schwanthaler verteilte die Erzählungen auf vier konzentrische Kreise, die um eine Drachenschlange gezogen sind. Im ersten Ring habe er die Kampfszenen in Gruppen zusammengefaßt, "weil sonst das Ganze überhäuft erscheine, voll ist es ohnehin." Im zweiten Ring sind Götter wie Ares und Athene zu sehen, im dritten Ring geht es unter anderem um Themen wie Ackerbau, Kornernte und Weinlese. Den Rand bildet der mit Delphinen und Schwänen belebte Ozean, der den Schild als ein Abbild der Weltscheibe umspannt.

Über das Wachsmodell wurde am 16. Juli 1840 als "eine Arbeit von vielen Reizen, mit einer großen Menge schöner und lebendiger Darstellungen, und über hundert Figuren" berichtet. Der Schild wurde 1841 von Ferdinand von Miller in Bronze gegossen und gelangte nach Chatsworth House in die Sammlungen des Duke of Devonshire. Dort ist er noch heute zu besichtigen. 1846 war das Werk "bereits sechsmal in Deutschland und England" nachzuweisen. Dazu gehören ein Guß für Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Berlin, ein Exemplar aus dem Städelschen Kunstinstitut im Frankfurter Liebighaus und ein bronzierter Gipsabguß im Bayerischen Nationalmuseum in München.

weitere Themen im Königssaal

(Die Links verweisen auf ausgewählte Ausstellungsstücke)
Die "effigies" des Königs - Canalettoblick - Die Erfindung der Altstadt (Adamsaal) - Biedermeier und Biedermeierei - Edlinger Nordwand - Münchner Köpfe - Isarathen - Die Typhusstadt - Katastrophen: Die Turmwächter und die Elefantenkatastrophe - Lola Montez - Die Schöne Münchnerin - Theresienwiese - Erzgießerei - Glas und Stahl - Nymphenburger Porzellan - Viktualien - Die Isar