
Fotografie / 17,1 x 11,4 cm / 1876
Der Künstlerkult des 19. Jahrhunderts lebte vom romantischen Rückbezug auf die großen Meister der Vergangenheit. Die in der "Kunststadt" freigesetzten Energien flossen aber weniger in eine intellektuelle Auseinandersetzung mit diesem künstlerischen Erbe, sondern vielmehr in einen von Empfindungen getragenen Akt der Aneignung. In diesem Sinn gehörte die Organisation jährlich neuer und im Aufwand kaum zu überbietender Feste zu den bedeutendsten Leistungen der "Kunststadt" München.
Als besonders gelungen blieb das "Künstler-Costüm-Fest" von 1876 in Erinnerung. Es stand unter dem Motto "Der Einzug Kaiser Karls V. in den Augsburger Reichstag 1530" und wurde von der Künstlergesellschaft "Allotria" im königlichen Odeon veranstaltet. Franz von Defregger erschien als Dürer, Friedrich August von Kaulbach in der Gestalt des Kaisers. Der Maler Rudolf von Seitz kleidete sich und seine Familie in Gewänder, wie man sie sich von Gemälden Holbeins abgeschaut hatte. Zur Reihe der Künstler gehörte wie selbstverständlich auch der Brauer Georg Pschorr in der Tracht eines Ordensritters. Hinter der karnevalistischen Maskerade stand eine durchaus bekennerische Haltung, in der nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Vorstellung vom "deutschen Renaissancemenschen" fröhliche Urständ feierte.
Mit ihren historistischen Festen schien die "Kunststadt" München nicht zuletzt ein gewisses Nachholbedürfnis zu befriedigen. Zwar konnte sich das Festthema auf einen tatsächlichen Aufenthalt Karls V. beziehen, der nach seiner Kaiserkrönung in Bologna auf dem Weg zum Augsburger Reichstag fünf Tage lang Station in München gemacht hatte. Weder der Kaiser noch die Künstler einer als "altdeutsch" wiederentdeckten Epoche spielten jedoch eine nennenswerte Rolle in der Geschichte der Stadt.

Terrakotta / H. 43-45,5 cm / um 1840 bis 1850
Münchens Ruhm als "Kunststadt" war auch vom Ruhm seiner Museen erborgt. Das Kernstück bildeten seit jeher die von den Wittelsbacher Landesherren zusammengetragenen Gemäldesammlungen. Diese Schätze wurden in der 1835 eröffneten Pinakothek als dem damals modernsten Galeriegebäude der Welt zusammengeführt.
Für das Dachgesims der Pinakothek entwarf ihr Architekt Leo von Klenze eine Balustrade mit 24 Künstlerstatuen. Die einzelnen Figuren wurden von Ludwig von Schwanthaler geformt und in seinem Atelier überlebensgroß ausgeführt. Sie verkörperten den "großen kunsthistorischen Cyclus", wie man das Präsentationskonzept der Pinakothek nannte, in der die Gemälde nach den Schulen der Länder geordnet waren. Künstler wie Albrecht Dürer für Deutschland, aber auch Nicolas Poussin für Frankreich repräsentierten nicht nur die Geschichte der Malerei. Als Standbilder auf dem Dach des Museums schien die Künstlerphalanx allseits nun auch über die Geschicke der "Kunststadt" zu wachen. Die Künstlerbalustrade wurde im Zweiten Weltkrieg ebenso zerstört wie ihre Modelle, die mit dem Münchner "Schwanthaler-Museum" zugrunde gegangen sind.
Eine genaue Vorstellung vermitteln jedoch die in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur ausgeformten Terrakottafiguren nach Schwanthalers Modellen. Sie waren als Sammlungsstücke sehr begehrt und gelangten in veredelten Bronzerepliken bis an den Hof des Zaren in Sankt Petersburg. Der unvollständige Satz im Münchner Stadtmuseum umfaßt elf Statuetten: Jan van Eyck, Giovanni Bellini, Domenico Ghirlandaio, Leonardo da Vinci, Andrea del Sarto, Albrecht Dürer, Michelangelo, Tizian, Nicolas Poussin, Anthonis van Dyck, Diego Velázquez. Als frühe Schöpfung der romantischen Künstlerverehrung haben die Figuren zahlreiche Denkmalsplanungen späterer Zeit geprägt.
weitere Themen im Monachiasaal
(Die Links verweisen auf ausgewählte Ausstellungsstücke)
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