Die Wochenzeitschrift Jugend

Josef Rudolf Witzel / "Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift. Hier zu haben"

Farblithographie / 70,5 x 114,7 cm / 1896
Der Jugendstil hat seinen Namen von einer Zeitschrift, die seit 1896 in München erschien: "Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben". Nahezu alle Künstler, die in den folgenden Jahren die heute gängigen Vorstellungen des Münchner Jugendstils geformt haben, sind im Impressum dieser Kulturzeitschrift wiederzufinden.

Die "Jugend" wurde von Georg Hirth (1841 – 1916) herausgegeben, dem Verleger der damals führenden Tageszeitung "Münchner Neueste Nachrichten". Neben großformatigen Bildern und Illustrationen bot die Zeitschrift vor allem belletristische und poetische Beiträge. Heute würde man von einem lifestyle magazine sprechen.

Zu den Besonderheiten der Zeitschrift gehörte das Wagnis, den Schriftzug "Jugend" für das Titelblatt jeder Ausgabe neu zu gestalten. Über Jahre hinweg entstand so eine typographische Mustersammlung des Jugendstils. In den variierenden, manchmal kaum noch lesbaren Schriftzügen spiegelt sich die künstlerische Vielfalt einer Epoche, in der die heutige Vorstellung einer corporate identity mit ästhetischen Mitteln konterkariert wurde.

 

Atelier Elvira

Philipp Kester / Das Fotoatelier "Elvira" in München nach Entwurf von August Endell

Fotografie / 17,8 x 12,5 cm / um 1913
Mit dem 1896 entstandenen "Hof-Atelier Elvira" fand der Münchner Jugendstil zu seiner kühnsten Schöpfung. Das Bauwerk war mit architektonischen Begriffen kaum beschreibbar. Insbesondere wurde die Fassade zu einer Projektionsfläche aberwitziger Formphantasien, in denen die Betrachter einen "Drachen", ein "Seepferdchen" oder einen "Pfirsichkern" erkennen wollten, aber auch "Meereswellen, die sich am Strand kräuseln". Für den Entwerfer August Endell (1871 – 1925) war es ein Spiel mit Linien, "die andere dann als Tiere bezeichnet haben. Für mich sind das Formgebilde, die ein starkes Gefühl erregen und weiter nichts."

Außergewöhnlich wirkten nicht zuletzt die grellen Farben der Fassade. Die Wandflächen waren grasgrün, die Ornamente türkis und cyclamviolett gestrichen, das heißt in der Farbe eines Alpenveilchens. Das "Hof-Atelier Elvira" wurde von den beiden Fotografinnen und Frauenrechtlerinnen Sophia Goudstikker (1865 – 1924) und Anita Augspurg (1857 – 1943) geführt. Es befand sich schräg gegenüber dem Prinz-Carl- Palais in der Von-der-Tann-Straße. Das Gebäude rief bei den Zeitgenossen anhaltende Aggressionen hervor. Während der Vorbereitungen zum nationalsozialistischen "Tag der Deutschen Kunst" wurde 1937 verfügt, "die häßliche, im Straßenbild sehr störend wirkende Fassade" zu beseitigen. München verlor damit ein Hauptwerk des Jugendstils. Es war von einer Bedeutung, wie sie vergleichsweise nur die Metrobögen Hector Guimards für Paris oder die Bauten Antonio Gaudìs für Barcelona haben.

weitere Themen im Monachiasaal

(Die Links verweisen auf ausgewählte Ausstellungsstücke)
Die Geburt der Monachia - Münchner Kindl - Münchnerisch - Bier- und Kunststadt: Biertrinker, Künstlerkneipe Künstler - Richard Wagner - Historismus - Jugendstil - Made in Munich - Prinzregentenzeit - Friedensengel - Die Exoten - Schwabing um 1900 - Münchner Schulen - Exzentriker